 
CEDILLE RECORDS: CDR 90000 078
SOLOSTÜCKE DES BAROCKS
RACHEL BARTON PINE, BAROCKVIOLINE
(NICOLA GAGLIANO, 1770)
Zum Andenken an Sam Hill, der mich als Erster dazu einlud, Gott
durch die Musik von Bach zu preisen
Produzenten: Rachel Barton Pine, Gregory Pine, James Ginsburg
Ton: Bill Maylone
Graphikdesign: Melanie Germond, Pete Goldlust
Cover-Foto: Andrew Eccles
Aufnahmedatum: 29.-30. Januar/1. Februar 2004 bei Radio WFMT Chicago
Mikrophon: Schoeps MK21 und Neumann KM184
Luthier (Geigenmeisterin): Whitney Osterud
Rachels besonderer Dank gilt den folgenden Personen:
Greg Pine
Joan und Michael Pine
Seth Vamos
Lee Newcomer und Performer's Music
den Mitarbeitern der Newberry Library
John Mark Rozendaal
Chris Verrette
Almita und Roland Vamos
Whitney Osterud
Charles Beare
Junah Chung
William Harris Lee & Co.
Diane Saldick
allen Mitarbeitern von Kirshbaum Demler & Associates, Inc.
EIGENE ANMERKUNGEN
von Rachel Barton
Bachs Musik liegt mir ganz besonders am Herzen. Ich wuchs in der
Kirchengemeinde der liberalen protestantischen United Church of
Christ auf, deren Motto "Making a Joyful Sound in the City"
(etwa: "Freudige Klänge in unserer Stadt") lautet.
In dem in den Altarraum eingelassenen Buntfensterglas war abgesehen
von den anderen religiösen Gestalten auch Bach dargestellt.
Vor dieser "Kulisse" kam ich also zum ersten Mal mit seiner
grandiosen Musik in Berührung. Sam Hill, unser Organist und
Chorleiter, spielte oft eine Toccata und die dazugehörige Fuge
von Bach als Vorspiel oder ließ den Chor im Laufe des Gottesdienstes
einen Satz aus einem Bach-Oratorium singen. Als ich vier Jahre alt
war, ließ mich Sam zum ersten Mal öffentlich auftreten.
Ich durfte im Rahmen eines Gottesdienstes ein Menuett von Bach spielen.
Im Laufe meines Schülerdaseins führte ich noch oft Bachs
Musik in unserer Kirche auf. Seine Musik zu spielen ist jedes Mal
aufs Neue ein spirituelles Erlebnis für mich.
Bach war tiefgläubig und dieser Glaube bestimmte sein ganzes
Tun und Handeln. Er signierte seine Manuskripte "Soli deo Gloria
- Gott allein sei Ehre." Die Musikwissenschaftlerin Helga Theone
wies jüngst darauf hin, dass der christliche Symbolismus, sowohl
mathematischer als auch thematischer Art, sowohl in den einzelnen
Sätzen als auch im Gesamtwerk seiner Sechs Sonaten und Partiten
für Violine Solo versteckt erkennbar ist. Diese Erörterung
ist zwar faszinierend, letztlich jedoch praktisch irrelevant. Bach
betrachtete sein musikalisches Talent als Gabe Gottes und stellte
es demnach ganz in den Dienst Gottes. Ich bin der festen Überzeugung,
dass Bachs Spiritualität und seine Musik - gleichgültig,
ob nun kirchlicher oder weltlicher Natur - untrennbar miteinander
verbunden sind.
Als ich im Alter von 14 Jahren einmal in einem örtlichen Musiknotenladen
stöberte, entdeckte ich zufällig eine Ausgabe der Corelli-Sonaten
mit der Notierung "Corellis eigener Ornamentierung"..
Die darin enthaltenen Implikationen fesselten mich derartig, dass
ich einen Experten für frühe Musik aufsuchte, um mehr
zu diesem Thema zu erfahren. Ich studierte die wichtigen primären
und sekundären Quellen der barocken Vortragspraxis, unter ihnen
auch Geminiani, Quantz, C.P.E., Bach und Boyden. Ich ging zur Verwendung
eines barocken Geigenbogens über, bediente mich historisch
belegter Phrasierung und Artikulation und verfasste dann auch meine
eigene Ornamentierung. Im Laufe der Jahre habe ich Gelegenheiten
gesucht und wahrgenommen, um mit Experten wie Sigiswald Kuijken,
Anner Bylsma, Marilyn McDonald, David Douglass, Elizabeth Wright,
John Mark Rozendaal, und David Schrader über frühe Musik
zu sprechen, die Noten zu studieren und diese Musik zuzeiten auch
aufzuführen. Meine Vorstellungen vom Klang, der Phrasierung
und der Interpretation eines barocken Repertoires haben sich im
Laufe der letzten fünfzehn Jahre von Grund auf gewandelt. Bei
dieser Aufnahme habe ich versucht, meinen jüngsten Gedanken
über und meinem Verständnis der Musik des späten
17. und des frühen 18. Jahrhunderts Ausdruck zu verleihen.
Meine Faszination mit der Erforschung aufführungswerten, bisher
jedoch wenig beachteten Repertoires veranlasste mich, ein ungewöhnliches
Barockrepertoire für Violine Solo näher kennen zu lernen.
Meine Musiksammlung erweiterte sich rasch um Telemanns Fantasien,
Playfords "The Divison Violin", Mateis` "Ayres"
und Romas "Assaggi". Ganz besonders bezauberten mich die
Westhoff-Suiten für Violine Solo als eindeutige Vorläufer
der Musik Bachs. Die Passacaglia von Biber und die Sonate für
Violine Solo von Pisendel wurden Teil meines turnusmäßig
wechselnden Vortragsrepertoires.
Im Jahre 1999 wurde mir angeboten, Bachs Sechs Sonaten und Partiten,
sowie einige diesem Werk vorausgehende Stücke für Violine
Solo im Rahmen eines Mammutkonzertes am "Oberlin Conservatory
of Music" in Ohio aufzuführen. Ich entschloss mich, die
Passacaglia von Biber, die Sonate für Violine Solo von Pisendel
und eine der Westhoff-Suiten in diese Darbietung aufzunehmen. Als
ich diese Werke parallel zueinander einstudierte, erfuhr ich eine
Menge über die Traditionen, aus denen Bach hervorging und wie
er diese gar transzendierte. In diese Aufnahme habe ich Bachs erste
Sonate aufgenommen, weil sie das engste Bindeglied zu den ihr vorausgehenden
Stücken darstellt. Ich wählte die Partita in d-moll, um
die enge Verbindung zwischen der Ciaccona von Bach und der Passacaglia
von Biber aufzuzeigen. Ich hoffe, Sie werden sich gerne auf die
Neuentdeckung des Schöpfergeistes Bachs im Rahmen verschiedener
barocker Meisterwerke, die Ihnen bisher möglicherweise noch
unbekannt waren, einlassen.
DEUTSCHE POLYPHONE BAROCKMUSIK FÜR VIOLINE SOLO: DIE BACH-SONATEN
UND IHRE VORLÄUFER
Anmerkungen von Rachel Barton
Die Ankunft eines neuen Jahrtausends führte zu weit verbreitetem
Interesse an der Bewertung, Erörterung und Katalogisierung
der im vergangenen Jahrtausend erreichten menschlichen Errungenschaften.
Johann Sebastian Bachs Beitrag hierzu wurde allgemein als einer
der wichtigsten und tief greifendsten anerkannt und gefeiert. Seine
Kompositionen dienten Komponisten von Mendelssohn über Brahms
bis hin zu Schönberg als Grundlage und Inspiration für
ihre eigenen Kompositionen.
Ganz besonders Bachs kontrapunktische Kompositionen gelten weiterhin
als Norm, an der sämtliche musikalische Werke gemessen werden.
Das Erlernen und die Beherrschung der sechs Sonaten und Partiten
für Violine Solo, die für seine meisterhafte kontrapunktische
Kompositionskunst beispielhaft sind, ist für jeden Violinisten
ein Muss. Außerdem prägt ihr Beitrag zu den Lehrplänen
der Musiktheorie und Komposition auf der ganzen Welt sie ins kollektive
Bewusstsein jedes ernst zu nehmenden klassischen Musikers ein.
Häufig empfinden wir Bachs sechs Sonaten und Partiten als
wunderbares Experiment, als Reinprodukt seiner Fantasie. Tatsache
ist jedoch, dass zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Werke bereits
eine fast einhundertjährige Tradition polyphoner (mehrstimmiger)
deutscher Kompositionen für Violine Solo existierte. Die bedeutendsten
Beispiele dieser Tradition verdeutlichen die Auswirkungen auf Bachs
Kompositionen und lassen erkennen, wie er das bereits Vorhandene
transzendierte und mit seinen Werken zur Vervollkommnung des Genres
gelangte. Angesichts ihrer wunderbaren Anziehungskraft auf den Ausführenden,
den Zuhörer und den Forschenden müsste vielen dieser Kompositionen
größere Anerkennung entgegen gebracht werden, als das
bisher der Fall ist.
Die meisten großen Instrumentalisten des 17. und 18. Jahrhunderts
beherrschten die Kunst der Improvisierens. Es wird viel auf komplexe
polyphone Improvisationen deutscher Violinisten hingewiesen. Die
tatsächlich niedergeschriebenen Werke stellen nur einen Bruchteil
der kreativen Werke für Violine Solo dieser Periode dar. Vielmehr
scheint der Großteil des aus damaliger Zeit überlieferten
Repertoires aus Improvisationen bzw. aus dem Improvisationsprozess
entsprungenen Kompositionen zu bestehen.
Das fortgeschrittene technische Können deutscher Violinvirtuosen
des Barocks ist wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass kein
anderer ausländischer Komponist an die von ihnen erzielte polyphone
Komplexität heranreichen konnte. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts
begannen deutsche Violinvirtuosen-Komponisten, die Grenzen der Violintechnik
weit über die von den Italienern Biagio Marini und Carlo Farina
im frühen 17. Jahrhundert begründeten Normen hin auszudehnen.
Thomas Baltzar, und nach ihm Heinrich Ignaz Franz von Biber, Johann
Paul von Westhoff und Johann Jakob Walther galten weithin als die
führenden deutschen Violinvirtuosen ihrer jeweiligen Generation.
Walthers Violinwerke "Scherzi da Violino solo con il Basso
Continuo"(1676) und "Hortulus Chelicus" (1688) enthalten
eine Fülle technischer Innovationen, besonders in den Bereichen
ausgedehnter Tonumfang, Doppelgriffe und Akkorde, Sonderbogenführungen
und anschauliche Effekte.
Die ersten bekannten experimentellen Kompositionen für Violine
Solo stammen von deutschen Violinvirtuosen: Das Präludium (aus
dem Jahre 1646), die Sätze im Breslau-Manuskript (c. 1640-1650)
von Johann Schop, sowie die zwei Preludes und Allemanden des Schop-Schülers
Baltzar (die nach seinem Tod im Jahre 1663 veröffentlicht wurden).
Ihr fortschreitendes technisches Können ermöglichte ihnen
die Schaffung eines in zunehmendem Maße komplexeren Repertoires.
Als die Geigenvirtuosen-Komponisten begannen, die Violine nicht
nur als Melodieinstrument zu begreifen, bedienten sie sich häufig
des vorhandenen Repertoires für Viola da gamba Solo. Die außergewöhnliche
Manuskriptsammlung aus dieser Zeit, GB-Ob Mus. Sch. F.573, enthält
Dutzende von Tanzsätzen für Violine Solo, von denen die
meisten Niederschriften von Stücken für Viola da gamba
sind. In diesen Werken wird die Mehrstimmigkeit unter anderem durch
Imitation, Vorhalt, Vorschlag, Durchgangston, Pedalton und Wechselnoten
hervorgehoben.
Die Passacaglia in G-moll von Heinrich Ignaz Franz von Biber
(1644-1704) (ursprünglich im einzigen überlieferten, nicht
handgeschriebenen Manuskript als "Passagalia" bezeichnet)
ist das umfangreichste bekannte einsätzige Werk für Violine
Solo vor Bachs Ciaccona. Das Werk ist das letzte einer Reihe von
sechzehn Stücken, die mit großer Wahrscheinlichkeit für
die traditionellen Rosenkranzandachten anlässlich des Festes
des Schutzengels Gabriel verfasst wurden. Es entstand wahrscheinlich
zwischen 1670 und 1674, nachdem Biber zum Kapellmeister des Fürst-Erzbischofs
Max Gandolph in Salzburg berufen wurde (ein Posten, den er bis zu
seinem Tode inne hatte). Bei den dieser Passacaglia vorausgehenden
15 Stücken handelt es sich um für Violine und Basso Continuo
verfasste, von den Geheimnissen des Rosenkranzes inspirierte Sonaten.
Bei jeder dieser Sonaten wird eine Veränderung der Normalstimmung
der Violinsaiten (Skordatur) eingesetzt, um dem Instrument (durch
Über- oder Unterspannung der Saiten) andere Klangmöglichkeiten
zu eröffnen. Die Passacaglia, die wieder eine Normalstimmung
der Violine vorsieht, wird vom Bild des Schutzengels, der ein Kind
an der Hand führt, eingeleitet.
Die Passacaglia ist auf einer Aufeinanderfolge von vier Noten,
G, F, Es, D aufgebaut, was gleichzeitig die erste Stimme einer zeitgenössischen
Hymne an den Erzengel namens "Einen Engel Gott mir geben"
bildet. Das von der Violine gespielte Bassmuster besteht aus 65
Wiederholungen dieser Vier-Noten-Abfolge. Die ersten 30 Bassmotive
sind in einer niedrigeren Tonlage gesetzt, die darauf folgenden
15 eine Oktave höher und die letzten 20 kehren zur ursprünglichen
Tonlage zurück. Viele Variationen erstrecken sich über
mehrere Bassnotenwiederholungen. Dieses schöpferische Werk
Bibers bietet nahezu die gesamte Bandbreite der damaligen zeitgenössischen
Violintechniken: komplizierte Doppel- und Dreifachgriffe, große
Saitenkreuzungen, gebrochene Oktaven, phantasiereiche virtuose Passagen,
sogenannte "Burls", arpeggierte Figuren, Springbogenführungen
und höhere Lagen bis zur siebten. Allerdings ist das Ergebnis
ebenso wie bei Bachs Kompositionen alles andere als oberflächlicher
Natur. Biber setzt all seine Effekte zugunsten der musikalischen
Intention ein, was ein gleichermaßen dramatisches und spirituelles
Ergebnis zeitigt.
Bibers Rosenkranz-Sonaten wurden nie gedruckt und waren zu seiner
Zeit auch nur wenigen bekannt. Daher ist es eher unwahrscheinlich,
dass Bach mit Bibers Passacaglia vertraut war. Dennoch kann Bibers
Passacaglia in der Großartigkeit ihrer Konzeption, ihrer Ausschöpfung
der technischen Möglichkeiten der Solovioline in Form von Grundbass-Variationen,
und der Erfolg des musikalischen Ergebnisses als Vorläufer
von Bachs Ciaccona bezeichnet werden.
Die in den frühen 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder
entdeckten "Sechs Solosuiten für Violine" von Johann
Paul von Westhoff (1656-1705) sind die einzige bekannte Sammlung
mehrerer mehrsätziger Werke für Solovioline vor der Zeit
Bachs. Westhoff veröffentlichte die Suiten im Jahre 1696, als
er Mitglied der Dresdner Hofkapelle war. Jede dieser Suiten enthält
dieselbe traditionelle Abfolge von Tanzsätzen: Allemande, Courante,
Sarabande und Giga. Die Sätze jeder dieser Suiten besitzen
dieselbe Tonart und die standardmäßige binäre (zweiteilige)
Form, wobei der erste Teil die Dominante kadenziert. Westhoff notierte
die Suiten auf einzigartige Weise: Er verwendete 8 Notenlinien,
sowie den Violinschlüssel für die zwei oberen und den
Altschlüssel für die unteren beiden Saiten. Die Sechs
Suiten für Violine Solo können als extremste mehrstimmige
Kompositionen für Solovioline vor Bach bezeichnet werden.
Die Suite No. 2 in A-Dur (nicht zu verwechseln mit Westhoffs früherer
Suiten in A-Dur aus dem Jahre 1682) ist eines der einfachsten, gleichzeitig
jedoch ansprechendsten Stücke in der Sammlung. Die rhythmischen
Abfolgen des ersten Teils der Allemande werden im zweiten Teil fast
ausschließlich mit schnellen Aufeinanderfolgen desselben Tones
auf abwechselnd zwei Violinsaiten ("Bariolage") kontrastiert.
Die Courante verdient aufgrund ihrer weitläufigen Passagen
aufeinander folgender Terzen Erwähnung. Die Sarabande ist eine
der lyrischeren Sarabanden Westhoffs. Die energiegeladene Giga zeichnet
sich durch in fugenähnlicher Sequenz ablaufende Dreistimmigkeit
sowie zahlreiche Dreinoten-Akkorde aus.
Trotz ihrer relativ konservativen Form besitzen Westhoffs Suiten
einen recht phantasievollen Charakter. Allerdings sind Bachs Werke
ihnen bei der Umsetzung des kontrapunktischen und musiktechnischen
Potentials für die Solovioline bei weitem überlegen. Im
Gegensatz zu den Westhoff-Suiten bedient sich jede der Bach-Partiten
einer anderen Tanzsätze-Sequenz. Ihre harmonischen Abfolgen
sind komplexerer Natur, was ihm die längenmäßige
Ausdehnung seiner Sätze ermöglicht. Während Westhoff
größtenteils mit fortlaufenden Akkorden Mehrstimmigkeit
erreicht, impliziert Bach die Polyphonie häufig anhand einstimmiger
Passagen und Sätze.
Bach führt die Ornamentierung für viele seiner langsameren
Sätze im
Detail aus. Ein Vergleich der Sarabande aus Bachs Partita in D-moll
mit den Sarabanden Westhoffs ist äußerst aufschlussreich.
Ohne die Ornamentierung würde Bachs Sarabande den von Westhoff
eingesetzten Akkordfolgen sehr stark ähneln. Westhoffs Sarabanden
sollten zweifellos nicht ohne entsprechende Verzierungen gespielt
werden.
Der junge Bach war im Jahre 1703 kurzzeitig als Violinist in Weimar
angestellt, wo ein alternder Westhoff den Posten des Kammersekretärs,
Kammermusikers und
Französisch- und Italienischlehrers am Weimarer Hof inne hatte.
Anzunehmen ist, dass sich die beiden begegneten und dass Bach mit
Westhoffs Kompositionen vertraut war.
Johann Georg Pisendel (1687-1755) war der führende
deutsche Violinvirtuose der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Sowohl Vivaldi als auch Albinoni und Telemann widmeten ihm Kompositionen.
In seiner berühmten Abhandlung beschrieb Quantz Pisendels einflussreiche
Arbeit als Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle.
Pisendels Virtuosität ist in seiner Sonate in A-moll für
Violine Solo, die 1716 oder 1717 im Laufe ausgedehnter Konzertreisen
innerhalb von Europa entstand, klar dokumentiert. Die technischen
Anforderungen an das geigerische Können sind wesentlich anspruchsvoller
als sämtliche zuvor für Violine Solo verfasste Werke.
Die Sätze Allegro und Giga sind durch ein so genanntes "Staccato
Volante" gekennzeichnet. Die Giga erfordert Doppelgriffe in
Intervallen bis zur und einschließlich der Dezime. Meisterhaftes
Beherrschen der höheren Lagen wird vorausgesetzt.
Die Sonate ist länger als die Westhoff-Suiten und weist eine
geringere Akkorddichte auf. Sie vereinigt Aspekte italienischer
Rhythmen und Melodien mit ausgeprägtem deutschem Kontrapunkt.
Die ungewöhnliche äußere Form ähnelt weder
der einer Kirchensonate noch der einer Tanzsuite. Der erste Satz
entbehrt zwar einer Tempobezeichnung, doch soll er zweifellos in
einem langsamen Tempo gespielt werden. Es finden sich zahlreiche,
detailliert ausgeführte Verzierungen. Die gelegentlich recht
überraschenden Akkordwechsel haben eine abwechselnd rhapsodische
und pathetische Wirkung. Der so genannte lombardische Rhythmus (rhythmische
Figur der Form kurz-lang mit Betonung auf der ersten kurzen Note)
wird in allen drei Sätzen sowie besonders in längeren
Passagen des zweiten Satzes eingesetzt. Die Sätze Allegro und
Giga weisen die binäre (zweiteilige) Form auf. Das hauptsächlich
einstimmig gehaltene Allegro entbehrt polyphoner Komplexität,
besitzt jedoch einen lebendigen Charakter und enthält zahlreiche
rhythmische Kontraste. Die Giga und Variation sind im Kontrapunkt
für zwei Stimmen geschrieben, und enthalten interessante Beispiele
entgegengesetzter Stimmbewegungen. Die Variation ist im Grunde genommen
als "Double" anzusehen, als verschönerte Version
des ursprünglichen Satzes, die seinem harmonischen Grundmuster
folgt. Mit der Kombination der Giga und ihres "Doubles"
folgte ich einem Vorschlag meines Freundes Christopher Verette,
eines Violinisten des kanadischen Tafelmusik Baroque Orchestra.
Pisendel und Bach verbrachten im Jahre 1709 einige Zeit miteinander
in Weimar und tauschten, nachdem sich ihre Wege wieder getrennt
hatten, weiterhin Kompositionen aus. Die beiden Musiker begegneten
sich höchstwahrscheinlich 1717 in Dresden nach der Vollendung
von Pisendels und vor der Entstehung von Bachs Sonate erneut. Pisendel
kehrte am 27. September von Italien nach Dresden zurück, und
Bach verließ die Stadt Anfang Oktober. Während seiner
Konzertreisen war Pisendel kurzzeitig Zeit ein Schüler von
Vivaldi. Dass Bach sich stark von Vivaldis Musik angezogen fühlte,
lässt vermuten, dass er ganz besonders an Pisendels jüngster
Komposition interessiert war. Interessant ist die Beobachtung, dass
Bachs erste Partita, die einzige, bei der er seinen Sätzen
"Doubles" folgen lässt, die zu erwartende Giga und
ihr "Double" durch ein mit einem "Double" gekoppeltes
Bourée ersetzt. Möglicherweise geschah dies aus Rücksicht
auf die zwei Schlusssätze der Pisendel-Sonate.
Das handschriftliche Manuskript der Sechs Sonaten und Partiten
von Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist anno 1720 datiert.
Musikwissenschaftler sind der Ansicht, dass er sie am Ende seines
Dienstes für den Herzog Johann Ernst von Weimar, möglicherweise
sogar während seiner kurzen Inhaftierung im November 1717 aufgrund
seiner Bestrebungen, den Dienst des Herzogs zu verlassen, begann.
Vermutlich setzte Bach seine Arbeit an den Sonaten und Partiten
fort, nachdem er (im Dezember 1717 als Hofkapellmeister) in den
Dienst des Fürsten Leopold zu Anhalt in Köthen trat, wo
er keine Kirchenpflichten hatte. In dieser Zeit vollendete er einen
Großteil seiner berühmten Kammer- und Instrumentalmusikwerke.
Die Sonaten tragen die Form der viersätzigen italienischen
Kirchensonate: langsam, schnell, langsam, schnell. Die ersten und
zweiten Sätze sind als Präludien und Fugen gestaltet,
und die melodischen dritten Sätze sind in Gegentonarten geschrieben,
während die jeweiligen Schlusssätze Mehrstimmigkeit innerhalb
einer einzigen Notenzeile andeuten. Die Partiten (im Manuskript
als "Partia" bezeichnet) haben die Form von Tanzsuiten.
Bachs Sechs Sonaten und Partiten sollten zweifellos als Zyklus begriffen
werden. Auf jede Sonate folgt eine Partita. Die Fuge jeder Sonate
ist länger und komplexer als die der vorangegangenen, und die
Anzahl der Partiten-Sätze steigt, angefangen bei 4, über
5 bis 6 an.
Bachs Sonate in G-moll wird mit einem Adagio in ABA-Form eingeleitet.
Die geschmackvolle und einfallsreiche Ornamentierungsweise Bachs
tritt besonders beim Vergleich der äußeren Teile zutage.
Die an vergleichbaren Stellen vorgenommenen Verzierungen sind völlig
unterschiedlicher Art. Die Fuge kontrastiert dreistimmige kontrapunktische
Teile in Mehrfachgriffen und idiomatische homophone Passagen mit
angedeutetem Kontrapunkt. Der durch Akkordzerlegungen charakterisierte
Mittelteil und der Orgelklänge simulierende Endteil, beide
über dem Orgelpunkt D, sind besonders erwähnenswert. Die
feinfühlig anmutende Siciliana simuliert mit ihren zwei Duett-Altstimmen
und einer begleitenden Basszeile den Aufbau einer Triosonate. Das
in binärer Form gestaltete Presto ist voller komplexer innerer
Rhythmen und gleichzeitig ein beeindruckendes Beispiel der in einem
unbegleiteten Satz versteckten Polyphonie.
Bachs Partita in D-moll beginnt mit den vier standardmäßigen
Sätzen einer Tanzsuite. Die Allemande, Corrente, und Giga sind
hauptsächlich einstimmig gestaltet. Jeder Satz ist zweiteilig,
wobei am Ende der akkordischen Sarabande eine besonders schöne
einstimmige Koda folgt. Die Akkordmuster und der ernste Charakter
dieser Sätze bereiten auf die gewaltigen Klänge der Ciaccona
vor. Die Ciaccona, vierunddreißig Variationen auf einer acht-taktigen
absteigenden chromatischen Basslinie, besitzt die drei Teile moll-Dur-moll.
Der Grundbass wird häufig gewechselt, um eine variiertere spielerische
Verarbeitung zu ermöglichen. Dieser Satz durchläuft einen
enormes Spektrum von Gefühlsregungen und Wohlklängen.
Trotz seiner Erhabenheit geht ihm der Tanzcharakter nie vollkommen
verloren. Seit vielen Generationen gilt sie (die Ciaccona) als höchster
interpretatorischer Prüfstein geigerischen Musizierens und
wird häufig als einzelnes Vortragsstück aufgeführt.
Bach ist zwar hauptsächlich wegen seiner pianistischen Fähigkeiten
bekannt, doch sollte nicht vergessen werden, dass die Violine sein
erstes Instrument war. Seine erste Anstellung als professioneller
Musiker war die eines Violinisten, und er arbeitete als Konzertmeister
in Weimar, bevor er nach Köthen wechselte. Höchstwahrscheinlich
führte Bach seine drei Sonaten für Violine Solo während
der Kommunion bei Gottesdiensten in der Thomaskirche in Leipzig
selbst auf. Bachs Sonaten und Partiten verwenden zwar nicht viele
der fortgeschrittenen, von Pisendel eingesetzten geigerischen Techniken,
sind jedoch in technischer Hinsicht für die linke und rechte
Hand des Geigers ebenso anspruchsvoll. Tatsächlich soll Pisendel
sie als einziger anderer Violinvirtuose zu Bachs Lebzeiten gespielt
haben. Aufzeichnungen zufolge soll Pisendel im Rahmen von Gottesdiensten
in der Kapelle zu Dresden vierteilige Fugen aufgeführt haben.
Ob es sich dabei um Bachs Werke oder seine eigenen Improvisationen
handelte, ist allerdings nicht bekannt. Carl Philipp Emanuel Bach
schrieb an den Biographen seines Vaters, Johann Nikolaus Forkel,
Folgendes, wobei er sich möglicherweise auf Pisendel bezog:
"Einer der großartigesten Violinisten hat mir einmal
gesagt, er habe nichts Besseres für die Ausbildung eines guten
Violinisten gesehen
als die besagten Violin-Solostücke
ohne Basso Continuo."
Über die Violine
Ich hatte das Glück, für diese Aufnahme auf einer ursprünglichen
Nicola Gagliano-Barockvioline aus dem Jahre 1770 spielen zu können.
Das Instrument ist mit auf a=415 gestimmten Darmsaiten bespannt.
Ich wählte diese Violine einerseits aus dem Wunsch nach größtmöglicher
Authentizität heraus, hauptsächlich aber deswegen, weil
dieses Instrument und sein Aufbau mich dem klanglichen Ausdruck,
den ich mir für meine Interpretationen dieses Repertoires vorgestellt
habe, am nächsten bringt. |