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CEDILLE RECORDS: CDR 90000 068
BRAHMS UND JOACHIM VIOLINKONZERTE
RACHEL BARTON PINE, VIOLINE
CARLOS KALMAR, DIRIGENT
CHICAGO SYMPHONY ORCHESTRA

EIGENE ANMERKUNGEN
von Rachel Barton

Schon seit meinen ersten Geigenstunden hat mich das Brahms Violinkonzert in seinen Bann gezogen. Im Alter von 14 Jahren begann ich, es zu erlernen, und so wurde es bald zu einem Hauptpfeiler meines Repertoires. Mit eben diesem Brahms Violinkonzert gewann ich verschiedene Preise auf internationaler Ebene und bestritt viele meiner Debuts in Europa und Amerika. Es ist und bleibt eines der erfüllendsten von mir aufgeführten Werke.

Das Konzert "in ungarischer Weise" von J. Joachim fasziniert mich schon seit Jahren. Als ich begann, mich intensiv damit zu beschäftigen, erschien es mir, als sei es wie auf mich zugeschnitten, ein Eindruck, der sich durch die starke Beziehung zweier meiner Professoren zur dieser Musik noch weiter verstärkte. Einer meiner Chicagoer Professoren, Roland Vamos, ist wie J. Joachim ungarisch-jüdischer Herkunft. In jungen Jahren begleitete Dr. Vamos seinen Vater häufig zu Zigeunermusik-Darbietungen in den Kabaretten des ungarischen Bezirks von New York. Während seines Studiums verdiente er sich seinen Lebensunterhalt unter anderem als "schlendernder Violinist", der Zigeunerweisen spielte. Mit seinem stilistischen Feingefühl war er eine unermesslich wertvolle Ressource für mich. Mein Berliner Geigenlehrer Werner Scholz war ein Schüler von Gustav Havemann, der seinerseits unter J. Joachim studiert hatte. Ich kann mich glücklich schätzen, mein Wissen über die Concertos von Joachim und Brahms von jemandem, der der ursprünglichen Quelle dieser Musik so nahe steht, erhalten zu haben. Auch durch die Lektüre der Abhandlung "Violonschule", in der Joachim seine violinistische Interpretation des Brahms Concertos darlegte, bescherte mir beim Studium dieses Konzertes besondere Einblicke.

Die dauerhafte Freundschaft zwischen Brahms und Joachim bereicherte beider Musik und Leben. Auch die Darbietungen der vorliegenden Aufnahme wurden durch Freundschaft bereichert. Als ich im Alter von zehn Jahren mit dem Chicago Symphony Orchestra debütierte, schwärmte ich in einem Fernsehinterview: "Das Chicago Symphony Orchestra ist nicht ein x-beliebiges olles Orchester. Es ist ein spitzenmäßig supertolles Orchester!" Während der folgenden achtzehn Jahre und vieler darauf folgender Solodarbietungen lernte ich die meisten Orchestermitglieder persönlich kennen. Die Betreuer, Mentoren und Lehrer meiner frühen Teenagerzeit sind zu Kammermusikpartnern, geschätzten Kollegen und Freunden geworden. Die Geschichte unserer langjährigen Zusammenarbeit verleiht der Musik bei jedem erneuten Zusammenwirken eine ganz besondere Dimension.

Maestro Carlos Kalmar lernte ich kurz vor dieser Aufnahme kennen, als wir bei der Aufführung des Konzertes "in ungarischer Weise" von Joachim mit Chicagos Grant Park Orchestra erstmals zusammenarbeiteten. Carlos Kalmar ist ein fantastischer und inspirierender Musiker, der sehr viel persönliche Wärme ausstrahlt. Ich werde ihm stets für seine musikalische Feinfühligkeit, seinen Humor und seine unerschöpfliche Energie, die er während unseres zweitägigen Aufnahmemarathons bewies, dankbar sein. In ihm fand ich einen Seelenverwandten in der Musik und einen geschätzten Freund.

Ich freue mich sehr, Ihnen diese zwei wunderbaren Konzerte nahe bringen zu dürfen.

DIE VIOLINKONZERTE VON BRAHMS UND JOACHIM
Anmerkungen von Rachel Barton

Diese Plattenaufnahme paart erstmals das Violinkonzert von Brahms mit dem Konzert "in ungarischer Weise" von Joachim und lädt somit zur einer musikalischen Erforschung der engen persönlichen Beziehung zwischen Joseph Joachim und Johannes Brahms ein. Als sich Brahms und Joachim im Jahre 1853 kennen lernten, hatte sich der damals einundzwanzigjährige Joachim bereits als Violinvirtuose und Komponist einen Namen gemacht. Brahms dagegen, hoch begabt und zwei Jahre jünger als Joachim, war noch nahezu unbekannt. Zwischen den beiden jungen Männern entwickelte sich rasch eine enge Freundschaft, und es begann ein zeitlebens fortgeführter musikalischer Dialog.

Brahms und Joachim forderten sich gegenseitig ohne Unterlass - mit ihrer Korrespondenz tauschten sie auch Kontrapunktübungen aus. Im Jahre 1853 zogen sie in eine gemeinsame Wohnung in Göttingen, und Brahms begann, bei Joachim Instrumentation zu studieren. Joachim fungierte als Brahms Mentor und machte ihn mit Schumann und anderen führenden Musikern dieser Tage bekannt. Brahms, der sonst mit Komplimenten eher sparsam umging, hatte nichts als lobende Worte für die Kompositionen von Joachim. Am 16. Februar 1855 schrieb Brahms seinem Freund einmal Folgendes, ". . . so gewaltig hat wohl noch niemand Beethovens Feder geführt. . . . Ich wünschte, Du wüßtest nur halb, wie mich Deine Sachen erfüllen. . . ." In einem anderen Brief ließ er verlauten, dass in Joachim mehr stecke als in allen anderen Komponisten zusammen." Brahms hielt Joachim für begabter als sich selbst und bestärkte ihn - sowohl privat als auch öffentlich - darin, sich mit noch größerer Hingabe dem Komponieren zu widmen.

Im Jahre 1854 hatte Joachim bei der Komposition seines zweiten Violinkonzertes "in ungarischer Weise", Op.11, schon enorme Fortschritte gemacht. Er brauchte fast sechs Jahre zur Vervollständigung dieser seiner bekanntesten und bedeutendsten Komposition. Er widmete sie Brahms und führte sie im Jahre 1960 in Hannover erstmals auf. Brahms dirigierte Joachims "ungarisches" Violinkonzert bei verschiedenen Aufführungen und bestärkte seinen Freund darin, dieses Konzert häufig vorzutragen. Viele zeitgenössische Musikkritiker betrachteten es als eines der bedeutendsten je für Violine komponierten Werke. Eduard Hanslick beschrieb in einer Rezension für die Wiener Zeitung Die Freie Presse das Konzert als Tongedicht voller Geist und Seele, voller Energie und Zartheit zugleich. Im Jahre 1894 wurde es vom britischen Magazin The Strad als ". . . eines der bisher bedeutendsten Meisterstücke der Violinmusik" bezeichnet. Und im 20. Jahrhundert erklärte der bekannte Violinpädagoge Carl Flesch (1873-1944) in seinen Memoiren, das Konzert "in ungarischer Weise" stelle einen Höhepunkt in der Literatur darstelle und sei das unübertroffen beste je von einem Violinisten für sein Instrument verfasste Werk.

Das Konzert "in ungarischer Weise" verkörperte eine merkliche Abkehr von anderen zeitgenössischen Konzerten, bei denen häufig die technischen Fertigkeiten hervorgehoben, der tiefere musikalische Inhalt jedoch vernachlässigt wurde. Joachim stand einer kunstvollen Feuerwerkstechnik kritisch gegenüber, denn er vertrat folgende Überzeugung: "Musik ist reinster Gefühlsausdruck, nur Zufälliges, Unnatürliches, Willkührliches ist ihr fremd." (Brief an Waldemar Bargiel vom 7. April l853). Getreu dieser Überzeugung dient jede Note im Konzert "in ungarischer Weise" einem höheren Zweck. Keine Passage, und sei sie noch so schwierig, wird zu Brillierzwecken eingeschoben. Dem Soloisten ist jegliche geigerisch-brilliante Zuschaustellung auf Kosten seiner Orchesterkollegen untersagt.

Trotzdem war Joachim in der Lage, eine als das schwierigste Werk des Repertoires geltende Komposition zu verfassen. Joachim, für seine großen Hände und seine erstaunliche Ausdauer bekannt, verschwendete wohl kaum einen Gedanken daran, welche Schwierigkeiten die massiven, die linke Hand überdehnenden und verdrehenden Akkorde verursachen: Sie verlangen dem Bogenarm Höchstleistungen ab, wenn ein voller und gehaltener Klang erreicht werden soll. Das Üben des Konzertes "in ungarischer Weise" ist durchaus mit der Vorbereitung auf einen Marathonlauf vergleichbar. Außerdem wurde das Konzert mit seinen mehr als siebenundvierzig Minuten Länge als "das längste Beispiel einer perfekten klassischen Form" bezeichnet (Frederic Emery, "The Violin Concerto," 1928). Jeder Versuch, bestimmte Passagen zu streichen (was bereits mehrfach versucht wurde) stört das architektonische Gleichgewicht des Werkes und fügt dem Stück beträchtlichen Schaden zu.

Der erste der drei Sätze des Violinkonzertes, Allegro un poco maestoso, besitzt Sonatenform - eine doppelte Exposition und eine Coda mit längerer Kadenz. Die erste Melodie mutet sogleich ungarisch an. Der Einsatz eines wuchtigen Tutti zur Eröffnung folgt dem Vorbild von Beethovens Klavierkonzert No. 3 in c-Moll. Seine weitläufige, in hohem Maße symphonische Gestaltung lässt ganz und gar nicht vermuten, dass es sich bei dieser Komposition um ein Konzert handelt. Dementsprechend verzichtet Joachim hier völlig auf den üblichen "großen Auftritt" des Soloisten. Die Solovioline reiht sich in das Spiel der anderen Instrumente ein - fast wie ein Mitglied eines Kammerorchesters. Im Laufe des Satzes werden die Melodien abwechselnd vom Soloisten und den übrigen Instrumenten interpretiert, wobei der Soloist zwischen melodieführender Hauptstimme und begleitender Nebenstimme wechselt. Der von beträchtlichen Verzierungen dominierte Charakter von Joachims Melodien zeugt von seiner Vertrautheit mit Zigeunergeigern. (Da er Ungarn bereits als Junge verlassen hatte, unterschied Joachim nicht zwischen der ungarischen Zigeunermusik und der ungarischen Bauernmusik.)

Joachim weicht also von der traditionellen Durchführung im Satz insoweit ab, als er die Reihenfolge seines ursprünglichen Materials ändert und ein völlig neues Thema einfügt. Diese Durchführung erhält besonders durch den Tonartenwechsel und die Vielfalt der orchestralen Klangfarben ihren fantasievollen Charakter. Die Reprise nimmt die Melodiefolge des eröffnenden Tutti, und nicht des ersten Solopartes wieder auf. Ein Abschnitt neuen Materials lässt den Soloisten eine Reihe absteigender chromatischer Oktaven spielen, deren Klang Joachim mit dem Wiehern eines Pferdes verglich. Die Kadenz beginnt mit dem A capella-Part des Soloisten, der eine kontrapunktische Improvisation zum 1. Thema zu bewältigen hat. Schließlich reihen sich Querflöte und Oboe abwechselnd in das Spiel ein und tragen so zur Integration der Kadenz in die Grundstruktur des Satzes bei. Gegen Ende des ersten Satzes lässt Joachim den Solisten ähnlich wie in einer Passage seiner Kadenz zum Beethoven-Konzert wieder chromatische Oktaven spielen - diesmal umfasst eine absteigende Tonleiter zweieinhalb Oktaven - welche dann in das Ende der Coda münden.

Der zweite Satz (Romanze: Andante) gestaltet sich in verkürzter ABA Form mit Coda. "Es ist soviel Liebreiz und Freundlichkeit darin," schrieb Brahms im Jahre 1858. "Das Ganze fließt so ruhig hin und erwächst eines aus dem andern so schön, daß man seine Freude hat." Während die Schlussteile der ersten zwei Phrasen des Hauptthemas eindeutig ungarischen Charakter aufweisen, beginnen beide Phrasen nicht mit dem typisch ungarischen Spezialrhythmus einer von einer gepunkteten Achtelnote gefolgten Sechzehntelnote, sondern mit ornamentierten Viertelnoten. Ein lebhafter Mittelteil steht in drastischem Kontrast zur den ihn umgebenden, eher ruhigen Abschnitten. Bei der Rückkehr zum Abschnitt A nimmt ein Solo-Cello das gesamte 1. Thema wieder auf, während der Solo-Violinist dieses mit kunstvollen Verzierungen umspielt. An dieser Stelle zeigt Joachim seine tiefe Verehrung Bachs mit Verzierungen, die natürlich, melodisch und harmonisch sind und nicht rein ornamentalen Charakter besitzen.

Das Finale alla zingara ist ein umfangreicher Satz in Rondoform und weist das folgende Strukturschema auf: A-B-C-A-D-A-B-C-Coda. Das diesen Satz eröffnende Erschallen des Horns zersprengt die ruhige Gelassenheit, mit der der zweite Satz zur Neige geht. (Das Erschallen des Horns verbindet als ein wiederkehrendes Motiv alle drei Sätze miteinander). Der Abschnitt A gestaltet sich als Perpetuum mobile unter Verwendung der "Zigeunertonleiter" (einer harmonischen Molltonleiter mit hochalterierter Quarte) und verlangt dem Soloisten und dem Orchester beim gegenseitigen Zuspielen von Melodien gleichermaßen äußerste Virtuosität ab. In anderen Orchesterpassagen werden verschiedene Tanzrhythmen und ausgelassene typisch ungarischen Rhythmus eingesetzt, während die Doppelgriffe des Soloisten eine derartige Intensität erreichen, dass zuweilen der Eindruck entsteht, Joachim hätte ein ganzes Geigenorchester in den für einen einzigen Violinisten geschriebenen Part eingearbeitet. Ein neues, zu Beginn der Koda eingeführtes Thema wirkt triumphierend und das Konzert jagt mit einer letzten Kraftanstrengung seiner Ziellinie entgegen. Dieser Satz inspirierte Brahms zur Komposition seiner innig geliebten Ungarischen Tänze (ursprünglich für Klavier, vierhändig), die Joachim zu einem späteren Zeitpunkt für Violine und Klavier umschrieb.

Joachims Melodien muten zwar ungarisch an, sind jedoch völlige Originalfassungen; sie bedienen sich keiner traditionellen Weisen. Statt die Wirkung seines Konzertes aufzuhellen, vermögen sie es, den ungarischen Stil von seinen dürftigen Herkunft zum Hochadel zu erheben, indem sie ihn mit Introspektion und Potenz erfüllen.

Für die Dauer ihrer Freundschaft war Joachim ein unbeirrbarer Verfechter der Kompositionen von Brahms. Er führte die Kammermusikwerke von Brahms auf, davon viele in Uraufführung, und dirigierte auch Brahms` Symphonien. Ganz besonders angetan jedoch war er vom Brahms-Violinkonzert. Er bezeichnete dieses Werk, das Brahms ihm widmete, als eines von "hohem Kunstwert" welches in ihm "Mitempfinden" weckte.

Brahms begann mit der Komposition seines Violinkonzertes im Sommer des Jahres 1878 während eines Urlaubs in Pörtschach am Wörthersee im österreichischen Kärnten. Am 22. August übermittelte er Joachim das Manuskript des Violinparts mit folgender Notiz: "Ich wollte Dich natürlich bitten zu korrigieren, meinte, Du solltest nach keiner Seite eine Entschuldigung haben - weder Respekt vor der zu guten Musik, noch die Ausrede, die Partitur lohne der Mühe nicht. Nun bin ich zufrieden, wenn Du ein Wort sagst, und vielleicht einige hineinschreibst: schwer, unbequem, unmöglich, usw." Dies gab den Anstoß für einen der wohl faszinierendsten musikalischen Dialoge der Geschichte.

Als Joachim das Konzert am 1. Januar 1879 in Leipzig uraufführte, war das Werk bereits beträchtlich überarbeitet worden. Zwei Zwischensätze waren gestrichen und durch ein neues Adagio ersetzt worden, woraus das heute bekannte dreisätzige Konzert entstand. (Beide ursprünglichen Zwischensätze sind verloren gegangen. In Fachkreisen wird vermutet, dass das Scherzo möglicherweise zum Allegro appassionato des zweiten Klavierkonzertes umgeschrieben wurde). Die Partitur ging vor der Uraufführung mindestens ein halbes Dutzend Mal zwischen den beiden Freunden hin und her, und ihre aus dem hinterbliebenen Manuskript eindeutig hervorgehende Debatte über eventuelle Revisionen blieb der Nachwelt erhalten. Brahms nahm die meisten der von Joachim vorgeschlagenen orchestralen Veränderungen auf, berücksichtigte dagegen wesentlich weniger seiner Veränderungen am Violinsolo-Part.

Der erste Satz des Brahms-Konzertes folgt hinsichtlich der Einbindung der Solovioline in den Orchesterklang dem Beispiel Joachims und Beethovens. Die Solovioline übernimmt häufig eine Gegenmelodie, während andere Instrumente die Hauptmelodie spielen. Brahms überließ die Gestaltung der Kadenz dem jeweiligen Künstler. Joachim schrieb seine eigene Kadenz, welche immer noch am häufigsten gespielt wird.
Es gibt Anzeichen dafür, dass Brahms an ihrer Komposition beteiligt war. Er kommentierte in einem Brief an Elisabeth von Herzogenberg eine frühe Aufführung folgendermaßen: "Die Kadenz ist bis zum hiesigen Konzert so schön geworden, daß das Publikum in meine Coda hineinklatschte."

Dem Violinkonzert von Brahms wird häufig ein "maskuliner" Charakter nachgesagt, welcher hauptsächlich der Robustheit des ersten Satzes zuzuschreiben ist. Den majestätischen und unerbittlichen Eigenschaften von Passagen wie der Soloexposition und den Oktavsprüngen in der Durchführung stehe ich immer wieder mit Staunen gegenüber. Wo das Beethoven Violinkonzert die Schönheit der Schöpfung Gottes zu verkörpern vermag, strahlt das Brahms Violinkonzert ihre Größe und Erhabenheit aus.

Viele der Violinisten der ersten Generation, die sich mit dem Konzert auseinander setzten, waren außer Stande, seine Brillianz zu erkennen. Auf den zweiten Satz Bezug nehmend beschwerte sich sich der spanische Violinvirtuose Pablo de Sarasate, er habe sozusagen "unbeschäftigt" dagestanden, während die Oboe die einzige brauchbare Melodie des ganzen Stückes gespielt habe. Diese Bemerkung veranschaulicht den Unterschied zwischen dem melodischen Begriff der Französisch-Belgischen Virtuosenschule und der komplexeren Handhabung durch Brahms und seine musikalischen Landsleute. Dieser einfach strukturierte Satz enthält eine der schönsten, je für die Violine geschriebene Musikkompositionen.

Brahms ließ sich für seinen dritten Satz vom Finale des Konzertes "in ungarischer Weise" von Joachim inspirieren. Hier wecken die rhythmische Vitalität und der Melodienreichtum von Brahms die gleiche Stimmung wie andere von ungarischer Musik inspirierte Werke, ohne jedoch auf Zigeunerweisen oder die Zigeunertonleiter zurückzugreifen. Im Gegensatz zur überstürzten Eile, mit der das Violinkonzert Joachims auf sein Ende zuhastet, verlangt das poco piu presto am Ende des Brahms-Konzertes einen marschähnlichen, gleich bleibenden Rhythmus und deutet in den letzten Takten gar ein leichtes ritardando an. Dennoch enden beide Konzerte mit D-Dur-Akkorden, die ein Gefühl echten, wohlverdienten Triumphes vermitteln.

Obwohl dem Brahms Violinkonzert zu Beginn zweifellos eher gemischte Gefühle entgegengebracht wurden, ist es zu einem der beliebtesten und geschätztesten Werke im Repertoire des Violinisten geworden. Im Gegensatz dazu wird Joachims Konzert "in ungarischer Weise" für so manch modernen Zuhörer im wahrsten Sinne des Wortes eine Offenbarung sein. Ich hoffe, dass das Wissen um den Einfluss von Joachims Konzert ein neues Licht auf das Brahms Violinkonzert zu werfen vermag und dass Joachims Meisterwerk eines Tages die Wertschätzung wiedererlangen wird, die ihm einst entgegen gebracht wurde.

ÜBER DIE KADENZEN

Diese Aufnahme enthält zwei verschiedene Kadenzen für das Brahms Violinkonzert. Wenn ich das Violinkonzert im Rahmen einer Reihe von Konzerten mit demselben Orchester aufführe, kann es häufig vorkommen, dass ich jeden Abend eine andere Kadenz spiele und abwechselnd die von mir selbst komponierte und andere von mir bevorzugte Kadenzen - die von Ysaye, Kreisler und Maud Powell - aufführe. Für eine Aufnahme, die die Beziehung zwischen Brahms und Joachim besonders hervorhebt, erschien es mir angemessen, die ursprüngliche Kadenz Joachims im Kontext des ganzen Konzertes aufzuführen. Mir schien jedoch, als bliebe meine Interpretation dieses Konzertes unvollendet, wenn die musikalische Gestaltung meiner eigenen Ideen zu dieser Brahms-Komposition hier fehlen würde.

Daher beginnt Track 5 der Brahms-CD mit meiner Kadenz und wird dann mit dem Orchester zum Ende des Satzes fortgeführt. Um den Kontext herzustellen, empfehle ich Ihnen, sich den ersten Satz bis zum Ende von Track 1 anzuhören und dann gleich zu Track 5 überzugehen. (Wenn Sie Ihren CD-Player nicht vorprogrammieren können, lässt sich das auch manuell einstellen). Ich hoffe, Ihnen gefällt die Vielfalt, die diese zwei verschiedenen Schlussteile des ersten Brahms-Satzes zu bieten haben.

ÜBER DIE VIOLINE

Es war mir eine besondere Ehre, für dieses Album auf der Geige von Joseph Guarneri del Gesu aus dem Jahr 1742, auch als "Ex-Soldat" bekannt, spielen zu dürfen, zumal dieses Instrument eng mit diesem Repertoire verknüpft ist.

Im Jahre 1875 entschloss sich die äußerst begabte junge Violinistin Marie Soldat (1863 - 1955), die Violine zugunsten des Klavier- und Gesangsstudiums aufzugeben. Das Geigenspiel von Joseph Joachim in einem Konzert in Graz drei Jahre später inspirierte sie jedoch zur Wiederaufnahme ihres Geigenstudiums, und zwar bei ihm.

Marie Soldat wurde Johannes Brahms 1879 während einer Sommerreise durch österreichische Kurorte in Pörtschach vorgestellt. Nachdem er ihrem Spiel gelauscht hatte, arrangierte Brahms ein Benefizkonzert, dessen Erlös ihren Studien zugute kommen sollte. Außerdem stellte Brahms ihr eine Zugfahrkarte zur Verfügung, damit sie ihn und Joachim nach Salzburg begleiten konnte. Als sie, von Brahms am Klavier begleitet, das Mendelssohn-Konzert zu spielen begann, rissen die Saiten ihrer Geige. Joachim reichte ihr daraufhin seine Stradivari, und sie verblüffte mit einer derart beeindruckenden Darbietung, dass Joachim sie ohne weiteres in den Kreis seiner Schüler an der Hochschule für Musik in Berlin aufnahm.

Marie Soldat (später Soldat-Röger) wurde zur eine der engen Vertrauten von Brahms und gehörte nun auch seinem Kammerorchester an. Diese Freundschaft dauerte ein Leben lang an. Der berühmte Pianist und Dirigent Hans von Bülow stellte sie einmal als "Brahms`zweite Besetzung" vor.

Marie Soldat galt weithin als eine der virtuosesten Geigerinnen ihrer Tage. Sie studierte das Brahms-Violinkonzert bei Joachim und Brahms und es wurde zu ihrem Aushängeschild schlechthin. Sie stellte es es in vielen europäischen Städten vor, unter anderem auch inWien im Jahre 1885, begleitet von den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Hans Richter. Ferner spielte sie das Violinkonzert von Brahms bei seiner zweiten Aufführung in Berlin unter der Leitung von Joseph Joachim.

Im Jahre 1897 wählte Johannes Brahms diese Geige für Marie Soldat aus und veranlasste, dass ein reicher Geschäftsmann aus Wien sie erwarb und der Geigerin als Leihgabe auf Lebenszeit zur Verfügung stellte. Die Musikzeitschrift The Strad kommentierte dieses Instrument im Jahre 1910 folgendermaßen ". . . [es] besitzt die meisten Qualitäten, die wir mit diesem Geigenmacher verbinden, in einem sehr hohen Maße. Sein Klang ist von außerordentlicher Schönheit und eignet sich ausgezeichnet für den ausdrucksstarken Stil der Violinistin . . . . Sein voller und reichhaltiger Klang zeichnet sich besonders auf der G-Seite durch Tiefe aus. Alle Konturen dieser Geige scheinen vor Lebenskraft und Stärke nur so zu strotzen."

Ich möchte gerne glauben, dass Brahms diese Geige auch deshalb ausgewählt hatte, weil ihre Stimme am ehesten die Klänge hervorzubringen mag, die er sich für sein Violinkonzert vorgestellt hatte. Ich hoffe, dass Sie beim Zuhören den Klang dieses fantastischen Instrumentes genauso genießen können, wie ich ihn beim Spielen genossen habe.

WISSENSWERTES ÜBER RACHEL BARTON

Mit ihrem leidenschaftlichen musikalischen Engagement begeistert die amerikanische Violinvirtuosin Rachel Barton ihr Publikum, gleichgültig, wo sie auftritt. Aufgrund ihrer profunden und wohl überlegten und mit ungeheurem Enthusiasmus sowie bewundernswerter Intensität dargebotenen Interpretationen eines extrem breit gefächerten Repertoires hat sie sich weltweit einen Namen gemacht.

Frau Barton ist als Soloistin mit vielen der weltweit berühmtesten Orchester wie den Symphonien von Chicago, Atlanta, St. Louis, Dallas, Baltimore, Montreal, Wien, Neuseeland, Island und Budapest aufgetreten, um nur einige zu nennen. Sie kann bereits auf eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen berühmten Dirigenten wie Zubin Mehta, Erich Leinsdorf, Neeme Järvi und Semyon Bychkov zurückblicken. Auf Einladung von Franz Welser-Möst nahm Frau Barton im Januar 2000 an der Mozartwoche in Salzburg teil und trat im Sommer 2001 erstmals bei den Salzburger Festspielen auf. In den USA trat sie unter anderem bei den Ravinia und Grant Park Music Festivals auf. Im Sommer 2003 wird sie beim Marlboro Music Festival erneut ihr Können unter Beweis stellen. Bemerkenswert ist auch ihre Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim, Christoph Eschenbach und Mark O`Connor sowie ihre Auftritte mit dem Pacifica String Quartett. Als Vortragskünstlerin gab Rachel Barton unter anderem im Rahmen verschiedener Live-Sendungen das Gesamtwerk der Capricci Paganinis und alle sechs Bach-Sonaten und Partiten zum Besten.

Frau Barton ist Preisträgerin verschiedener bedeutender Musikwettbewerbe; unter anderem erhielt sie beim alle vier Jahre stattfindenden internationalen Johann Sebastian-Bach-Wettbewerb 1992 in Leipzig den 1. Preis für Violine. Ihr wurde damit als erster Amerikanerin und jüngster Künstlerin diese Auszeichnung zuteil. Weitere Auszeichnungen erhielt sie bei verschiedenen internationalen Violinwettbewerben, darunter dem Königin-Elisabeth-Wettbewerb (Brüssel, 1993), dem Kreisler-Wettbewerb (Wien, 1992), dem Szigeti-Wettbewerb (Budapest, 1992) und dem Montreal-Wettbewerb (1991), sowie bei zahlreichen Wettbewerben auf nationaler und regionaler Ebene. Darüber hinaus erhielt sie sowohl beim internationalen Paganini-Violinwettbewerb in Genua 1993 und dem Szigeti-Violinwettbewerb den 1. Preis für ihre Interpretation der Capricci von Paganini.

Im Juni 1996 war Frau Barton Fackelträgerin beim olympischen Fackellauf und wirkte noch in jenem Sommer bei der Eröffnungsfeier der Paralympics im Centennial Olympic Stadium zusammen mit Mitgliedern des Atlanta Symphony Orchestra als Soloistin mit. Bei den Playoff-Spielen der Chicago Bulls 1995 und 1996 und der "Democratic National Convention" trug sie ihr eigenes meisterhaftes Solo-Arrangement der amerikanischen Nationalhymne vor. 1996 wählte das Chicago Magazine Frau Barton zur "Bürgerin Chicagos des Jahres", und Today`s Chicago Woman Magazine ernannte sie zur "Frau des Jahres". Ein Fernseh- und Rundfunk-Portrait über sie lief in der landesweit übertragenen Sendung "Sunday Morning" und sie ist bereits zweimal in der ebenfalls landesweit übertragenen "Today Show" aufgetreten. Im Februar 2003 wurde Frau Barton bei den 22. jährlichen Chicago Music Awards zur "Klassischen Entertainerin des Jahres" gekürt.

Frau Barton ist Mitglied des Treuhändervorstandes des Music Institute of Chicago, wo sie den Ausschuss Curricula und Programme leitet. Seit 1997 ist sie Lehrkraft für das Mark O`Connor Fiddle Camp. Frau Barton betreut häufig Kammerorchester, leitet Lokalwettbewerbe für Jugendorchester und gibt Meisterkurse. Abgesehen von ihren Konzerttouren stellt sie sich bereitwillig für besondere, kindgerechte Programme und Vorführungen und vor ihrem Auftritt für Gespräche zur Verfügung bzw. kommentiert ihr Programm während ihrer Auftritte selbst.

Ihre Bemühungen um ein jüngeres Publikum zeigten sich unter anderem darin, dass sie häufig im Rahmen von Rockmusik-Radiosendungen Interviews gab und auftrat. Außerdem gibt sie Benefizkonzerte zugunsten verschiedener Wohltätigkeitsorganisationen.

Dies ist Frau Bartons fünfte Aufnahme für die Plattenfirma Cedille Records. Sie hat auch unter dem Dorian Recordings Ò Label zwei CDs, mit Musik für Violine und Klavier von Sarasate bzw. Liszt und auch eine CD für Cacophony Records mit dem Titel Storming the Citadel aufgenommen.

WISSENSWERTES ÜBER CARLOS KALMAR

Carlos Kalmar ist Music Director beim Oregon Symphony und Principal Conductor des Grant Park Music Festivals in Chicago. Herr Kalmar wurde 1958 in Montevideo (Uruguay) als Sohn österreichischer Eltern geboren. Seine Ausbildung erhielt er an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien bei Karl Österreicher. Einen ersten großen Erfolg konnte er im Juni 1984 als Preisträger des Hans Swarowsky-Wettbewerbs erzielen. Er war von 1987 bis 1991 Chefdirigent der Hamburger Symphoniker; von 1991 bis 1995 Chefdirigent und Generalmusikdirektor der Stuttgarter Philharmoniker, eine Funktion, die er von 1996-2000 beim Anhaltischen Theater und der Anhaltischen Philharmonie Dessau innehatte. Zwischen 2000 und 2003 war er Chefdirigent des Tonkünstler-Orchester Niederösterreich in Wien.

Sein Deutschland-Debut hatte Carlos Kalmar im April 1985 beim NDR-Sinfonieorchester Hamburg. Seitdem dirigiert er als Gast zahlreiche Orchester in Europa, Asien, Australien, und Nord- und Süd-Amerika, unter anderem das Chicago Symphony Orchestra, Philadelphia Orchestra, Seattle Symphony, Detroit Symphony, Minnesota Orchestra, Cincinnati Symphony, Indianapolis Symphony, Bamberger Symphoniker, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Orquesta Nacionales de España, Radio Symphonieorchester Wien, Wiener Symphoniker, São Paulo Symphony Orchestra, Singapore Symphony, West Australian Symphony, Royal Scottish National Orchestra, und das Mostly Mozart Festival Orchestra in New York. Maestro Kalmar hat kritische Anerkennung als Operndirigent überall in Europa bekommt, u.a. an der Hamburgischen Staatsoper, der Wiener Staatsoper, am Opernhaus Zürich, an der Opera National Brüssel und der Wiener Volksoper.

Carlos Kalmar hat CDs mit dem Jeunesse Musicales Weltorchester (Alban Gerhardt – Cellist) und auch mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich für ORF aufgenommen. Diese CD ist seine zweite Aufnahme für Cedille Records. Auf der CD “American Works for Organ and Orchestra” (Cedille Records CDR 90000 063) dirigiert er das Grant Park Symphony Orchestra (mit David Schrader, Orgel Solist) in Musik von Samuel Barber, Walter Piston, Leo Sowerby, und Michael Colgrass.

WISSENSWERTES ÜBER DAS CHICAGO SYMPHONY ORCHESTRA

Mehr als ein Jahrzehnt nach seinem hundertjährigen Bestehen gehört das Chicago Symphony Orchestra zu den weltweit bedeutendsten Orchestern. Im Jahre 1991 wurde Daniel Barenboim der neunte Musikdirektor des CSO. Während seiner Amtszeit als Chefdirigent eröffnete Herr Barenboim das neue Symphony Center Chicago, führte weithin gepriesene Konzertopern-Produktionen auf, trat mit dem Orchester in der Doppelrolle des Pianisten und Dirigenten auf und veranstaltete mehr als 12 internationale Konzerttouren.

Das Chicago Symphony Orchestra wurde im Jahre 1891 von Theodore Thomas, dem damals führenden Dirigenten in Amerika gegründet. Thomas wirkte dreizehn Jahre, bis zu seinem Tod im Jahre 1905, als Musikdirektor des Orchesters. Er starb kaum drei Wochen nach der Einweihung des Konzerthauses "Orchestra Hall", dem "Domizil" des CSO.

Der Nachfolger von Theodore Thomas hieß Frederick Stock. Er spielte seit 1895 im Orchester die Viola und wurde dann vier Jahre später stellvertretender Dirigent. Er bekleidete das Amt des Musikdirektors 37 Jahre lang von 1905 bis 1942, womit seine Amtszeit als die längste der neun Musikdirektoren des Orchesters zu verzeichnen ist. Im darauf folgenden Jahrzehnt übernahmen 3 berühmte Dirigenten die Rolle des Musikdirektors: Désiré Defauw von 1943 bis 1947, Artur Rodzinski in der Konzertsaison 1947-48 und Rafael Kubelik von 1950 bis 1953. Im nächsten Jahrzehnt war Fritz Reiner Chefdirigent des Orchesters: Seine Aufnahmen mit dem CSO gelten immer noch als meisterhafte Konzertaufführungen. Reiner war es, der Margaret Hillis zur Bildung des Chicago Symphony Chorus im Jahre 1957 veranlasste. Für die Dauer der fünf Konzertsaisonen von 1963 bis 1968 war Jean Martinon Musikdirektor des CSO.

Sir Georg Solti, der achte Musikdirektor des Orchesters, leitete das Orchester von 1969 bis 1991. Ihm wurde später der Titel des Ehrenmusikdirektors verliehen, woraufhin er bis zu seinem Tod im September 1997 in jeder Saison mehrere Wochen lang die Leitung des Orchesters übernahm. Mit der Ankunft Soltis in Chicago begann eine der erfolgreichsten musikalischen Partnerschaften unserer Tage. Die erste internationale Konzerttour des Orchesters erfolgte unter seiner Leitung im Jahre 1991. Weitere Konzerttouren durch Europa, Japan und Australien untermauerten den Ruf des Orchesters als eines der weltbesten Ensembles.

Im Jahre 1916 machte das CSO als erstes amerikanisches Orchester eine Aufnahme unter Leitung seines Stammdirigenten. Seitdem sind mehr als 900 Plattenaufnahmen mit diesem Orchester entstanden. Die Schallplattenalben des CSO wurden mit 58 Grammy Awards ausgezeichnet - mehr als jedes andere Orchester. Das Chicago Symphony Orchestra hat bereits die Symphonie No. 5 von Easley Blackwood unter der Leitung von James DePreist für Cedille Records aufgenommen. (Cedille Records CDR 90000 016, "Easley Blackwood: Symphonies Nos. 1 & 5").